Nachwelt 2030 – Im Herzen des Winters – Spannendes Endzeit-Abenteuer Online Lesen 10.3 Tief in seinem Kopf

Er vermied es, das blutige Bündel anzusehen, das zu holen er gekommen war. Die anderen Spuren ringsum allerdings analysierte er mit klarem Geist.
Überreste der von den Wölfen erlegten Tiere waren hier. Hier und da auch die Überreste von einzelnen Menschen, die das Pech gehabt hatten, von den Tieren erwischt zu werden. Soweit normal. Was aber nicht normal war, war, dass überall die Knochen von Jungtieren zu finden waren. War das nicht auch auf dem Sims so gewesen? Die Knochen? Rolf dachte an sein Abenteuer mit der Höhle zurück. Was, wenn die Knochen, die er dort gesehen hatte nicht zu ausgewachsenen Kleintieren gehörten, sondern ebenfalls zu Jungtieren? Und die drei pelzbehangenen Gestalten, die ihn angegriffen hatten?
Nein, es hatte sich bei ihnen nicht um alte Menschen gehandelt. Vielleicht war, was auch immer all diesen Tod verursacht hatte für Menschen nicht gefährlich? Vielleicht aber doch. Es war auf jeden Fall besser, diesen Ort zu verlassen, so schnell es ging. Aber bis sie das konnten …
Langsam drehte Rolf den Kopf zu dem Bündel hin. Er konnte es nicht. Schnell sah er wieder weg. Stattdessen richtete er den Strahl seiner Lampe auf die Wölfin. Ein wirklich großes Tier. Noch im Tod wirkte sie mächtig und gefährlich.
Er trat näher heran. Ja. Rolf war sich sicher. Das Tier hatte sich töten lassen. Es hätte Mariam mit Leichtigkeit zerfleischen können, genauso wie ihn. Sicherheitshalber hob er einen der Speere auf, die er zurückgelassen hatte. Er nahm ihn und rammte ihm dem toten Tier ins Herz.

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Die Waffe drang ohne nennenswerten Widerstand tief in den Körper ein und Rolf fühlte sich etwas besser.

Was war das? Da, hinter der Wölfin?
Noch mehr tote Welpen. Die Geburt konnte noch nicht lange her sein. Die kleinen Körper waren noch nicht verwest. Rolf betrachtete sie. Sie lagen dicht beieinander, so als ob sie sich wärmen wollten. Er konnte die Missbildung sehen. Bei manchen zumindest. Hier eine verkrüppelte Pfote, da ein Gebiss, mit dem man unmöglich fressen oder jagen konnte. Ein anderes Tier hatte zwischen den beiden Beinen auf der linken Seite ein drittes, das aber nur zur Hälfte ausgebildet war und auf dem kein Fell wuchs. Und da war noch eines, noch ein Wolfsjunges, dem das linke Auge schlicht und einfach nicht gewachsen war. Es war nicht so, dass die Augenhöhle leer war. Sie existierte schlicht und einfach nicht. Das andere Auge stand offen. Im Licht seiner Lampe schimmerte es blau und Rolf schrak zusammen, als sich das Augenlid blitzschnell schloss und wieder öffnete.
Das Wolfsjunge lebte noch. Es hatte geblinzelt.

Es zitterte wie Espenlaub, als Rolf es aufhob. Aber es wehrte sich nicht. Sicher fühlte es, dass er es gut mit ihm meinte.
Es war ein Männchen. Rolf betrachtete es von oben bis unten. Bis auf die Sache mit dem fehlenden Auge schien es gesund zu sein. Die Schnauze war blutig und er konnte sehen, dass es von seinen Geschwistern gefressen hatte. Was hätte es auch sonst tun sollen?
Trotzdem wirkte es schwach. Entkräftet. Sicher hatte seine Mutter nicht damit gerechnet, dass es sie überleben würde.

Dieser letzte Wurf, den sie tot und nicht lebensfähig geboren hatte, mehr oder minder auf jeden Fall … vielleicht ..
Rolf öffnete seine Jacke und schob den Welpen hinein, damit er es warm hatte. Vielleicht würde es helfen. Ja, vielleicht würde es Mariam helfen, dachte er.

Es fiel ihm jetzt ein klein wenig leichter, sich dem Bündel auf dem Boden zuzuwenden.

* * *

Drei Tage später hatten sie es hinter sich gebracht. Sie standen nebeneinander vor dem Grab in der Nähe der Hütte, wie sie auch vor Schützes Grab gestanden hatten, so viele Jahre zuvor.
Mariam war damals noch ein Kind gewesen. Rolf sah zu ihr hin. Seit der schrecklichen Nacht hatte sie kein einziges Wort mehr gesprochen. Bestenfalls genickt oder den Kopf geschüttelt. Aber sie kümmerte sich um das Wolfsjunge. Immerhin das. Ihr Blick war oft abwesend. Sie aß, wenn Rolf ihr etwas hinstellte. Zwar meistens nicht einmal die Hälfte von dem, was er aus ihren schwindenden Vorräten zubereitet hatte, aber sie aß. Es würde noch eine ganze Weile dauern, schätzte er, und ganz überwunden haben würde sie es wohl nie.
Sie würden bald aufbrechen müssen, egal, was das Wetter gebot. Er wollte hier nicht mehr jagen und er konnte nicht sicher sein, ob die drei Männer aus der Höhle die einzigen waren, die dort noch lebten. Er hielt in seinen Gedanke inne, folgte einem anderen Pfad.
Was, wenn die drei die einzigen gewesen waren, die die anderen dort drinnen ernähren konnten? Was wenn …
Er schob den Gedanken so schnell wieder von sich, wie er ihm gekommen war. Auch wenn er den Gamsbock am Ende nicht hatte essen wollen – es war seiner gewesen.
Hätten ja winken können, dachte er. Oder zumindest hatte er geglaubt, dass er die Worte nur gedacht hatte. Aber Mariam sah ihn plötzlich an, nach einer Ewigkeit, in der sie auf den flachen, kleinen Grabhügel ihres Sohnes gestarrt hatte.

Sie gingen später langsam zur Hütte zurück, wo Mariam sich sofort wieder auf das Bett legte. Rolf nahm neben dem Ofen Platz. Er hatte Mariam inzwischen schon viele Male erzählt, was er an dem Tag erlebt hatte. Er erzählte es ihr noch einmal. Ab und zu nickte sie, während sie gedankenverloren das Wolfsjunge streichelte, das sich auf ihrem Bauch zusammengerollt hatte.
Rolf beendete seine Erzählung nach einer Weile und fügte an:
„Wir sollten wirklich bald gehen. Und irgendwann musst Du mir auch erzählen, was passiert ist. Zwischen Dir und dieser Wölfin.“
Mariam nickte.

Dann sah sie ihm in die Augen.
„Okay, Rolf. Ich erzähl es Dir. Und morgen … morgen früh verschwinden wir von hier.“
Rolf hörte diese Worte nicht mit seinen Ohren.
Er hörte sie tief drinnen.

Tief in seinem Kopf.

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